#fredwagner: Zwischen Künstlicher Intelligenz, Konsolidierung und persönlicher Beratung – Wohin steuert der Versicherungsvertrieb?

Im Rahmen der Interviewreihe #fredwagner sprach Prof. Dr. Fred Wagner mit Julia Palte, Vorständin für den Ausschließlichkeits- und Maklervertrieb der Concordia Versicherungsgruppe. Neben der Vertriebsstrategie verantwortet sie auch Innovationsthemen und begleitet die umfassende Transformation des Unternehmens. Im Mittelpunkt des Gesprächs standen die Zukunft des Versicherungsvertriebs, die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz, zunehmende Markt- und Regulierungsdynamiken sowie die Frage, welche Rolle persönliche Beratung in einem zunehmend digitalen Umfeld künftig spielen wird.
Die Versicherungswirtschaft befindet sich nach Einschätzung vieler Marktteilnehmenden in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Technologische Entwicklungen, regulatorische Anforderungen, veränderte Kund:innenerwartungen und geopolitische Unsicherheiten beeinflussen die Rahmenbedingungen des Vertriebs gleichermaßen. Im Interview wurde deutlich, dass insbesondere Künstliche Intelligenz als einer der zentralen Veränderungstreiber wahrgenommen wird. Gleichzeitig wurde diskutiert, dass technologische Innovationen nicht zwangsläufig zu einer Verdrängung persönlicher Beratung führen müssen.
Im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz standen vor allem die möglichen Auswirkungen auf Vermittler:innen, Versicherer und Kund:innen im Fokus. Diskutiert wurde, dass KI künftig zahlreiche Prozesse entlang der Wertschöpfungskette unterstützen kann, von der Informationsbeschaffung über Analysen bis hin zur Dokumentation und Nachbereitung von Beratungsgesprächen. Dadurch könnten Vermittler:innen administrative Aufgaben reduzieren und mehr Zeit für die Kund:innenbetreuung gewinnen. Zugleich wurde die Erwartung thematisiert, dass sich Geschäftsmodelle im Vertrieb weiter differenzieren und spezialisieren werden. Insbesondere größere und stärker professionalisierte Vertriebseinheiten könnten von den neuen technologischen Möglichkeiten profitieren.
Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz von KI bleibt jedoch eine leistungsfähige technologische Infrastruktur. Vor diesem Hintergrund wurde die Modernisierung bestehender IT-Landschaften als zentrale Aufgabe der Versicherungsunternehmen beschrieben. Die Ablösung historisch gewachsener Altsysteme gilt dabei als wichtiger Baustein, um zukünftige digitale Anwendungen überhaupt nutzen zu können. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Transformationsprogramme und die Erprobung neuer KI-Anwendungen parallel vorangetrieben werden müssen, um Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.
Ein weiterer Schwerpunk war die zunehmende Konsolidierung im Versicherungsmarkt. Sowohl regulatorische Anforderungen als auch technologische Investitionen erhöhen den Anpassungsdruck auf Versicherer und Vermittler:innen. Insbesondere mittelständische Marktteilnehmende stehen vor der Herausforderung, steigende Komplexität und Kosten zu bewältigen. Gleichzeitig eröffnen Kooperationen, eine Fokussierung auf ausgewählte Geschäftsfelder sowie gezielte Investitionen Chancen, um auch in einem konsolidierenden Marktumfeld eigenständig erfolgreich zu bleiben.
Darüber hinaus wurde die Entwicklung des Makler:innenmarktes betrachtet. Die fortschreitende Konzentration von Maklerunternehmen, Pools und Plattformen verändert die Marktstrukturen und führt zu neuen Machtverhältnissen zwischen Versicherern und Vertriebspartnern. Für Versicherungsunternehmen gewinnt daher die strategische Steuerung von Plattformen und Großvertrieben an Bedeutung. Gleichzeitig wurde die Frage diskutiert, wie Versicherer ihre Unabhängigkeit und Diversifikation im Vertrieb sichern können.
Auch das Thema Nachhaltigkeit spielte im Gespräch eine Rolle. Dabei stand weniger die regulatorische Perspektive im Vordergrund als vielmehr die Verankerung von Nachhaltigkeitsaspekten im operativen Vertrieb. Anhand eines Projekts zur Zertifizierung nachhaltiger Agenturbetriebe wurde die Frage erörtert, wie Nachhaltigkeit über Produkt- und Berichtspflichten hinaus in den Geschäftsalltag integriert werden kann. Neben ökologischen Aspekten wurden dabei auch wirtschaftliche Effizienzpotenziale thematisiert.
Mit Blick auf die private Vorsorge wurde zudem die aktuelle Reformdiskussion aufgegriffen. Dabei standen insbesondere die Auswirkungen neuer Wettbewerber und digitaler Abschlusswege auf den Vertrieb im Mittelpunkt. Diskutiert wurde, wie sich Versicherer, Banken, Fondsanbieter und digitale Plattformen künftig im Vorsorgemarkt positionieren könnten. Gleichzeitig wurde die Bedeutung von Beratung bei langfristigen Vorsorgeentscheidungen sowie die Rolle lebenslanger Absicherungskonzepte im Vergleich zu kapitalmarktbasierten Lösungen thematisiert.
Abschließend widmeten sich Prof. Dr. Fred Wagner und Julia Palte der Frage, wie sich die Kund:innenbeziehung in einer zunehmend plattformorientierten Welt verändern könnte. Plattformen und digitale Ökosysteme gewinnen an Bedeutung und eröffnen neue Vertriebswege. Gleichzeitig wurde die Einschätzung diskutiert, dass insbesondere bei komplexen Versicherungs- und Vorsorgethemen weiterhin Bedarf an individueller Beratung besteht. Die zukünftige Entwicklung des Vertriebs dürfte daher weniger durch ein Entweder-oder als vielmehr durch das Zusammenspiel verschiedener Vertriebs- und Beratungsmodelle geprägt sein.










